Live: Wer bin ich?

2. Kapitel

Wer Ronda sah, hätte nach der ersten Begegnung ihren Beruf niemals erraten und ihn ihrer auffälligen Persönlichkeit schon gar nicht zugetraut. Wenn sie komplett angezogen herumlief – was in ihren eigenen vier Wänden selten der Fall war –, konkurrierte ihre kunterbunte Hippie-Kleidung mit ihrem langen, dunkelbraunen Haar um die Vormachtstellung bei ihrem äußeren Erscheinungsbild. Als Mensch war Ronda ein Widerspruch in sich: Ihre stets gute Laune stand auf einem wackligen Gerüst, denn mit ihrem Lächeln und ihrem zum Teil hyperaktiven Auftreten versuchte sie, ein Psychotrauma zu überwinden, ohne aufzufallen. Wären ihre Beschwerden bekannt geworden, hätte sie unweigerlich ihren Job verloren. Schließlich hatte sie es beruflich mit Menschen zu tun, die verschiedene Formen von Beeinträchtigungen aufwiesen.

Die Berufsbezeichnung Rondas lautete Sonderpädagogin. In diesem Fachbereich hatte sie es hauptsächlich mit geistig benachteiligten Jugendlichen zu tun – eine Tätigkeit, in der sie aufblühte und eine Hingabe an den Tag legte, die als bewundernswert bezeichnet werden konnte. Mit ihren Lehrmethoden und sozialen Fähigkeiten erarbeitete sie sich einen Ruf, der ihr mit Genehmigung ihres Arbeitgebers zusätzliche, gelegentliche und doch regelmäßige Aufträge bescherte. Dazu gehörten Gutachten über schwer erziehbare Teenager ebenso wie Eignungstests mit Beschäftigten großer Konzerne, bei denen es darum ging, ob diese noch fähig waren, ihren Aufgaben nachzukommen.

Ihr letztes nebenberufliches Betätigungsfeld befasste sich mit Menschen, die bei verschiedensten Behörden auffällig geworden, aber noch nicht direkt mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Bei ihnen drehte es sich um ermahnte Raser, denen die Tabellenführung in Flensburg drohte, oder um Berufstätige mit psychischen Problemen, die aufgrund diverser Paragrafen nicht so einfach aufs Abstellgleis gestellt und gekündigt werden konnten. Der Kreis der Menschen, mit denen Ronda konfrontiert wurde, war jedenfalls genauso bunt wie ihre Kleidung, was auch auf ihre Auftraggeber zutraf. Sie war sozusagen das Mädchen für alles, eine Art Villa Kunterbunt für Unternehmen, Organisationen und gelegentlich auch für den Staat. Unabhängig von all dem durfte niemand von Rondas seelischen Problemen erfahren, ansonsten hätte sie ihren Job und ihre Nebeneinkünfte sofort verloren – und damit ihre Existenz.

Es war Herbst. Dem Wetter war das egal, es führte sich auf wie im April. Ronda war um die Mittagsstunde gerade dabei, in der Institution ihres Arbeitgebers Feierabend zu machen. Der Zufall und das Schicksal wollten es, dass sie genau dem Mann in die Arme lief, der nach ihr suchte. Seine Fragen erweckten zunächst nicht diesen Eindruck, da er sich zuerst nach dem Büro der Verwaltung erkundigte. Doch im nachfolgenden Dialog fiel ihr Name, woraufhin sie keinen Anlass sah, ihre Identität zu verheimlichen.

»Sie haben Glück, ich bin die Gesuchte. Was kann ich für Sie tun?«, fragte Ronda in der Annahme, eine neue Einnahmequelle vor sich zu haben.

»Stimmt schon, manchmal ist die Welt klein«, meinte der Gefragte, zog einen Dienstausweis hervor und stellte sich vor: »Entschuldigung, ich heiße Heger, Nick Heger vom LKA. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich? Ich habe gesehen, fast gegenüber ist ein Café. Vielleicht könnten wir uns dort in aller Ruhe unter vier Augen unterhalten?«

Ronda sah keinen Grund abzulehnen. Schließlich ging sie nach wie vor davon aus, dass es im Landeskriminalamt einen Fall gab, bei dem sich irgendein Schreibtischhengst durch ihre Expertise einen Durchbruch erhoffte. Das galt auch für Nick Heger, der nicht den Eindruck machte, eine höhere Position in der Behörde zu bekleiden. Da ein paar Kröten mehr im Geldbeutel nicht schaden konnten, sagte sie zu.

Nachdem sie in dem Lokal bedient worden waren, kam Nick sofort auf den Punkt. »Laut den Informationen, die mir vorliegen, kennen Sie einen gewissen Freddy Haupt. Trifft das zu?«

Ronda durchforstete ihren Gedächtnisspeicher und nickte. »Ja, allerdings nur flüchtig. Ich hatte nicht viel mit ihm zu tun. Wieso?«

»Seine Frau hat ihn vor ein paar Tagen als vermisst gemeldet. Das Problem dabei: Sie gab der Polizei zu verstehen, dass sie die Anzeige nicht persönlich aufgeben kann, weil sie im Rollstuhl sitzt. Recherchen ergaben, dass die Frau querschnittsgelähmt und ohne ihren Gatten völlig hilflos ist. Die Konsequenz: Beamte der Dienststelle begaben sich direkt zu ihrem Wohnort, um die Vermisstenanzeige aufzunehmen.«

Ronda verzog das Gesicht. »Nett. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Das geschah sicher mit viel Ansporn, aber okay – was wollen Sie von mir?«

»Die Kollegen trafen die Frau nicht an. Weder nach wiederholten Versuchen am Tag ihres Anrufs noch in den Folgetagen. Einem fleißigen Beamten ließ die Sache keine Ruhe. Seine Nachforschungen brachten ans Licht, dass Freddy Haupt unentschuldigt bei der Arbeit fehlt. Weil die Ergebnisse so unbefriedigend waren, wollte die örtliche Kripo nichts damit zu tun haben und hat den Fall an uns übergeben. Vorläufiges Zwischenergebnis: Freddy Haupt und seine Frau Juliane scheinen vom Erdboden verschwunden zu sein. Nachbarn haben sie seit Tagen nicht gesehen, Arbeitskollegen wissen nichts und Familienangehörige oder Freunde konnten wir bisher nicht ausfindig machen – was an sich schon merkwürdig ist. Ich hoffe, diese Zusammenfassung erklärt, weshalb ich alles über Freddy Haupt wissen muss. Jede Kleinigkeit zählt. Da Sie einige Gespräche mit ihm geführt haben, gehe ich davon aus, dass Sie mir Hinweise geben können. Damit helfen Sie vor allem ihm und seiner Frau. Ich wiederhole mich gern: Selbst der kleinste Hinweis kann wichtig werden.«

»Ich werde Sie für einen Charme-Orden vorschlagen«, konterte Ronda trocken. »Sie scheinen Ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Also wissen Sie auch, dass ich allerhöchstens vier oder fünf Gespräche mit Freddy hatte. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen soll. Sicher, ich habe bestimmt noch Notizen über diese Sitzungen. Aber Sie sind vom LKA und sollten ohne Schwierigkeiten an die endgültigen Diagnosen herankommen. Die sind doch bestimmt wichtiger als meine belanglosen Aufzeichnungen.«

»Hören Sie, Frau Lass …«

»Nennen Sie mich Ronda«, fiel die Angesprochene ihm ins Wort. Sie musterte Nick und korrigierte ihren ersten Eindruck. Offenbar war der Mann kompetenter, als sie gedacht hatte. »Was mich interessieren würde, ist der Grund, weshalb sich das LKA der Sache angenommen hat. Ich finde das ungewöhnlich. Schließlich verschwinden fast jede Woche irgendwelche Leute, um die sich Ihre Behörde nicht im Geringsten schert. Liegt es daran, dass er Polizist ist?«

Nick verzog die Lippen. Die Aussage schien ihm sichtlich zu missfallen, obwohl er ihr nicht widersprechen konnte. »Sie haben ein gutes Gespür. Ja, Freddy Haupt war Polizist. Wie Sie vielleicht schon ahnen, habe ich mir die Akten über ihn zukommen lassen. Womöglich erinnern Sie sich daran: Er musste sich damals wegen eines Dienstvergehens mit den internen Ermittlern auseinandersetzen und sich zudem einem Polizeipsychologen stellen. Der bescheinigte ihm Dienstunfähigkeit. Ein Gegengutachten – das sein Rechtsbeistand anfertigen lassen durfte – widersprach dieser Diagnose jedoch. Danach kamen Sie ins Spiel. Ihre Schlussfolgerung lautete, er brauche lediglich eine Auszeit und sei danach durchaus fähig, seinen Dienst fortzusetzen. Nach dem Unfall seiner Frau schied er dann allerdings auf eigenen Wunsch aus, ohne den Dienst jemals wieder angetreten zu haben.«

Ronda zeigte sich erstaunt. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie sehr Freddy an seinem Beruf gehangen hatte. Angesichts dieser Überraschung kam sofort eine alte Marotte bei ihr durch: »Da kriegst du doch die Motten!«, entfuhr es ihr. Noch bevor der LKA-Beamte reagieren konnte, setzte sie nach: »Sie reden zwar viel, Herr Heger, sagen aber nichts. Warum befasst sich das LKA wirklich mit dem Verschwinden dieses Ehepaares?«

»Der Kollege auf dem Revier, der einfach keine Ruhe gegeben hat, hat uns informiert und seine Ansicht geschildert«, erklärte Nick. »Seiner Auffassung nach wollte die örtliche Kripo nichts unternehmen, weil Freddy Haupt bei den meisten seiner Kollegen unten durch war. Er hat uns mit ein paar verdammt interessanten Details konfrontiert. Erstens: Wie und wieso verschwindet eine Frau, die in ihrer Mobilität komplett von ihrem Ehemann abhängig ist? Zweitens: Nach ihrem Unfall hat Freddy den Dienst quittiert – ein Beleg dafür, wie sehr er seine Frau liebt. Er hätte sie niemals tagelang allein gelassen. Und drittens ist der Kollege der Meinung, dass in dieser Angelegenheit von vorn bis hinten etwas nicht stimmt und Freddys Ex-Kollegen ihre Finger im Spiel haben könnten. Kurzum: Er hält es für möglich, dass Polizisten in das Verschwinden von Freddy und Juliane Haupt involviert sind.«

»Wann hatte die Frau den Unfall?«, erkundigte sich Ronda.

»Erst vor einem halben Jahr«, antwortete Nick und fixierte sie. »Weshalb fragen Sie?«

Ronda schüttelte leicht den Kopf und wich seinem Blick aus. »Nur so. Okay, jetzt verstehe ich, weshalb das LKA Handlungsbedarf sieht. Aber ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wie ich Ihnen dabei helfen könnte.«

Nick fuhr sich über das Kinn. Er bemerkte, dass die Augen der Bedienung auf ihn gerichtet waren, deutete ihr mit einem kurzen Nicken an, für Kaffee-Nachschub zu sorgen. Erst dann nahm er Ronda wieder ins Visier. »Hatten Sie bei den Sitzungen mit Freddy irgendwann das Gefühl oder den Eindruck, dass er beruflich massiv unter Druck stand?«, fragte er direkt. »Oder dass er vielleicht ein Opfer von Mobbing durch seine Kollegen war?«

Ronda schwieg einen Moment, während die Bedienung die frischen Kaffeetassen auf den Tisch stellte. Dann blickte sie Nick fest in die Augen. »Sagen wir es mal so: Bei der dritten oder vierten Sitzung schloss ich es nicht mehr aus, dass ihm das vorgeworfene Dienstvergehen untergeschoben wurde.«

»Interessant. Warum steht davon nichts in Ihrem Gutachten?«

»Herr Heger, ein solches Dokument bezieht sich auf Fakten«, entgegnete Ronda kühl, fügte nach einer Pause hinzu:. »Keineswegs auf Spekulationen.«

Nick lächelte matt. »Plausibel. Einer dummen Frage lasse ich direkt eine intelligentere folgen: Kam Ihnen Freddy gefährdet vor? Erwähnte er etwas in der Art? Zum Beispiel, dass er sich verfolgt fühlte?«

Ronda nippte an ihrem frisch gebrachten Kaffee, bevor sie antwortete. »Nein. Allerdings schien er unter erheblichem Stress zu leiden – deswegen ja auch die entsprechende Einschätzung in meinem Gutachten.«

Nick legte nachdenklich die Stirn in Falten und appellierte an ihr Erinnerungsvermögen: »Bitte denken Sie nach. Hat Freddy sonst irgendetwas erwähnt, worüber Sie sich gewundert haben?«

Der Kerl wird langsam lästig, da kriegst du doch die Motten, dachte Ronda. Sie ließ sich ihre gute Laune trotz der ernsten Unterhaltung jedoch nicht verderben und reiste in Gedanken ein Stück zurück in die Vergangenheit.

Nach ihrer Rückkehr in die Gegenwart zuckte sie mit den Schultern. »Wenn etwas komisch war, dann die Tatsache, dass Freddy Haupt nicht mehr von sich gab, als er unbedingt musste. Er beantwortete meine Fragen, erklärte manches aber erst, wenn ich nachgebohrt hatte. Damals schob ich das auf seine stressbedingte Situation. Aber jetzt, da Sie mir gegenübersitzen, könnte ich das ein oder andere durchaus anders interpretieren.«

»Inwiefern?«, hakte Nick sofort nach.

»Trotz der von Ihnen eben betonten Liebe zu seiner Frau erwähnte er sie in unseren Sitzungen praktisch nie«, erklärte Ronda nachdenklich. »Er verlor auch kein einziges Wort über Angehörige oder Freunde. Sein Privatleben schien während der Therapiestunden schlichtweg tabu zu sein. Existieren diese Leute überhaupt? Immerhin konnten Sie bisher niemanden aus seinem Familien- oder Bekanntenkreis ausfindig machen.« Nick schwieg. Er blickte nachdenklich auf seine Kaffeetasse, als hätte Ronda ihn auf eine ganz neue Spur gebracht. Da von ihm keine Antwort kam, legte Ronda nach: »Sie erwähnten vorhin seine Arbeitskollegen. Wo genau war Freddy zuletzt tätig?«

»Er arbeitete halbtags als Kurierfahrer«, antwortete Nick und fuhr mit seinen Fingern durch sein Haar. »Und um ehrlich zu sein: Wir vom LKA sind in diesem Fall derzeit mit angezogener Handbremse unterwegs. Sicher, die Eheleute werden vermisst. Aber falls die Behauptungen unseres argwöhnischen Kollegen zutreffen, müssen wir extrem vorsichtig vorgehen. Zunächst brauchen wir schlagkräftige Beweise. Doch die bekommen wir nur, wenn wir überhaupt erst einmal in Erfahrung bringen, womit wir es hier eigentlich zu tun haben.«

Ronda stellte ihre leere Kaffeetasse ab und griff nach ihrer Handtasche. »Nun, dann wünsche ich Ihnen viel Glück, Herr Heger. Denn spätestens ab jetzt kann ich absolut nichts mehr zu dieser Sache beitragen.« Sie erhob sich, bedankte sich für die Einladung und überreichte dem Beamten ihre Visitenkarte. »Nur für den Fall, dass meine Hilfe doch noch benötigt werden sollte. Beim nächsten Mal gibt es aber eine Rechnung dafür. Tschüs!«, sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln und schritt davon.

Draußen vor dem Café fühlte sie sich sofort wohler. Nachdem Nick ihr offenbart hatte, dass es sich möglicherweise um ein hochgefährliches, polizeiinternes Komplott handelte und das LKA selbst mit angezogener Handbremse agierte, war es ihr einfach wichtig geworden, die Reißleine zu ziehen. Ihr gutachterlicher Verstand sagte ihr, wann ein Gespräch ihre Kompetenzen überschritt, und verständlicherweise wollte sie unter keinen Umständen in ein Wespennest aus korrupten Polizisten hineingezogen werden.

……..

Ronda fuhr nach Hause. Sie wohnte in einem großen Wohnblock mit so vielen Parteien, dass kaum ein Bewohner den anderen kannte. Sie entledigte sich ihres Mantels, legte die Handtasche auf die Ablage der Garderobe und eilte voller Erleichterung ins Wohnzimmer. Aus dem Raum schlugen ihr Stimmen entgegen, die sie sofort dem laufenden Fernseher zuordnete.

Sie erkannte, dass ihr Liebhaber in dem Sessel saß, der mit dem Rücken zu ihr stand. Er verfolgte einen Film, den sie bereits gesehen hatte, der jedoch keineswegs zu ihren Favoriten gehörte. Ronda fiel der Titel des Streifens ein: „The Fog“ hieß der Spielfilm, der ihr schlicht zu gruselig war. Eigentlich ein Umstand, den beobachtende Außenstehende niemals hätten nachvollziehen können – vorausgesetzt, sie wären in der Lage gewesen, den Mann im Sessel zu identifizieren.

Das nachfolgende Szenario besaß nämlich einen Horroreffekt, durch den jeder unbeteiligte Zuschauer einen psychologischen Tiefschlag erleiden würde. Da Ronda nicht erkennen konnte, ob ihr Mitbewohner vor der Flimmerkiste eingeschlafen war, trat sie leise und lächelnd an ihn heran. Sie blickte ihm über die Schulter ins Gesicht. Er war wach, erwiderte ihr Schmunzeln und zog sie sanft zu sich auf den Sessel.

Sie kuschelte sich in seine Arme auf seinem Schoß. Es folgte ein inniger Kuss, doch kaum hatten sich ihre Lippen voneinander gelöst, wurde Ronda ernst. »Es geht los. Ich hatte heute unerwarteten Besuch vom LKA. Ein gewisser Nick Heger hat mich aufgesucht. Kennst du ihn?«

Freddy schüttelte den Kopf. »Nein, der Name sagt mir nichts. Was wollte er von dir?«

»Was wohl? Natürlich wollte er mehr über dich erfahren.«

Freddys Muskeln spannten sich merklich an. »Was hast du ihm gesagt? Und wie schätzt du ihn ein?«

Ronda glitt von seinem Schoß zu Boden. Sie ging vor dem Sessel auf die Knie und stützte sich mit beiden Händen an den Armlehnen ab, um ihm tief in die Augen zu sehen. »Ich glaube, ich hätte ihn fast unterschätzt. Er gab sich anfangs dümmer, als er eigentlich ist. Jedenfalls ist er nach unserer Unterhaltung über dich kein bisschen schlauer.«

»Gut, braves Mädchen«, lobte Freddy. »Von nun an heißt es, wachsam und geduldig zu bleiben. Das LKA wird sich ganz sicher noch einmal an dich wenden, aber wir gehen strikt nach Plan vor.« Er entspannte sich spürbar und zog Ronda wieder zu sich nach oben.

Ein Kuss folgte dem nächsten, und die Berührungen wurden intensiver. Umarmende Hände fingen an, Knöpfe zu öffnen. Kleidungsstücke flogen durch den Raum. Für potenzielle Beobachter wurde es nun höchste Zeit, die beiden Liebenden allein zu lassen.

Unbestritten: Die bisherigen Umstände ließen kaum einen anderen Schluss zu, als dass die von außen verfallene Villa im Wald inzwischen wieder völlig einsam war. Freddy Haupt konnte sich ja unmöglich zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten befinden.

Doch während er nun auf Ronda lag und sich rhythmisch bewegte, entschloss sich der Mann ohne Gedächtnis, das Risiko einzugehen und in den Keller hinabzusteigen. Fast synchron zu Freddys Bewegungen auf dem Wohnzimmerboden stieg der Unbekannte vorsichtig die Leiter hinab, wobei seine Füße behutsam und im selben Takt eine Sprosse nach der anderen bewältigten. Dabei geriet das Rätsel um das Wo, Wer und Was bin ich auf merkwürdige Weise in den Hintergrund. Vordergründig war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Außenwelt fragen würde: Wer ist er, wo kommt er her und was spielt er für eine Rolle?

Unabhängig von den bisherigen Geschehnissen und ungeachtet der Frage, wie es um die psychische Verfassung des angeblich verschwundenen Freddy Haupt stand: Wenn man die Ereignisse genau überdachte, gab ein ganz bestimmtes Detail Anlass zur Sorge. Dieser Punkt betraf die stets gut gelaunte Ronda Lass. Man musste sich nämlich unwillkürlich fragen, warum eine Sonderpädagogin ihres Formats einem Mann derart zu Füßen lag und sich ihm gegenüber fast schon unterwürfig verhielt. Schlimmer noch: Es erweckte den Anschein, als sei sie ohne Zögern bereit, ihn bei einer höchst unlauteren Sache zu unterstützen.

Kriminalhauptkommissar Nick Heger hatte Ronda verschwiegen, dass er sich nicht nur ihr Gutachten über Freddy Haupt, sondern auch das Dossier über ihren eigenen Werdegang hatte zukommen lassen. Schon vor dem Treffen im Café kannte er die Frau somit auf dem Papier in- und auswendig – was jedoch nicht bedeutete, dass er sie auch durchschauen konnte.

Rondas Lebenslauf war schwere Kost. Den völligen Widerspruch dazu stellte die eigentliche Unterhaltung mit ihr dar. Nicks Befürchtung, auf eine verschlossene, womöglich depressive Person zu stoßen, traf keineswegs zu. Im Gegenteil: Ihre Art war locker, und obwohl das Thema keine Fröhlichkeit zuließ, strahlte seine Gesprächspartnerin eine unerwartete Lebensfreude aus. Ihr Auftreten, die bunte Kleidung und ihr salopper Spruch über die Motten zeigten ihm, dass sie ihre Vergangenheit offenbar hinter sich gelassen hatte. Doch eine Sache störte Nick massiv. Aus den Akten ging hervor, dass Freddys Sitzungen mit Ronda erst ein Jahr zurücklagen. Es ergab einfach keinen Sinn, dass eine Sonderpädagogin ihres Formats derart große Erinnerungslücken vorgab, wenn die Gespräche gerade mal zwölf Monate her waren. Ein verschwundenes Ehepaar, womöglich korrupte Polizisten, dazu eine Sonderpädagogin, die etliche Fragen aufwarf. Je mehr sich Nick in den Fall hinein arbeitete, umso weniger gefiel er ihm. Immerhin hatte er inzwischen mehr Informationen über Juliane und Freddy Haupt zusammengetragen. Das Ehepaar war kinderlos. Fest stand auch, dass sich die beiden nach Julianes Unfall in eine selbstgewählte Isolation begeben und langjährige Freundschaften komplett aufgegeben hatten. So wie es sich darstellte, taten sie das vor allem aus einem Grund: um dem oft übertriebenen oder gar geheuchelten Mitleid ihrer Umwelt zu entgehen.

Worauf Nick jetzt noch wartete, waren die Ergebnisse zu den übrigen Familienangehörigen der Eheleute. Gab es noch Eltern? Existierten Geschwister, Onkel oder Tanten? Und wenn ja: Wo lebten sie, wie sah es bei ihnen finanziell aus und gab es womöglich jemanden innerhalb des Familienkreises, der Dreck am Stecken hatte?

*****

Freddy Haupt blickte auf zwanzig Jahre Berufserfahrung als Polizist zurück. Er war ein Bulle vom alten Schlag – regelkonform, aber jederzeit bereit für eine härtere Gangart. Man musste kein Kommissar sein oder einen höheren Dienstgrad bekleiden, um mit Kleinkriminellen, Abschaum und Schwerverbrechern konfrontiert zu werden. Freddy war ein Mann der Straße, und seine Methoden hatten ihn bereits die eine oder andere Beförderung gekostet.

Es war ihm egal. Mehr Geld auf dem Konto wäre schön gewesen, aber Freddy wollte seine Tage nicht hinter einem Schreibtisch absitzen. Er war zufrieden mit seinem Leben. Da seine Frau Juliane ebenfalls verdiente, plagten die beiden keine Geldsorgen. Zudem besaßen sie ein eigenes Haus, das er nach dem frühen Krebstod seiner Eltern geerbt hatte.

Der Verlust seiner Eltern wog schwer, zumal es nicht der erste Schicksalsschlag war, der die Familie traf. Julianes letzte Verwandte waren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, und die väterliche Linie war ohnehin klein und überaltert – hier hatte das Vergehen der Zeit gnadenlos zugeschlagen. Freddy hatte zudem einen Bruder verloren. Ein Schicksal, das ihn jedoch nicht berührte, da er ihn nie kennengelernt hatte: Der Junge war bei der Geburt gestorben. Offenbar hatte die Welt keinen Platz für ihn vorgesehen. Freddy und seine Frau Juliane standen deshalb familiär im Grunde völlig allein da. Es schweißte sie als Paar extrem eng zusammen und machte sie gleichzeitig verwundbar – schließlich hatten sie außer sich selbst niemanden mehr.

Ein näherer Blick auf Freddys Dasein hätte labile Menschen womöglich gebrochen. Ein Fluch schien auf seiner Familie und der seiner Frau zu liegen. Der Tod konnte als allgegenwärtig bezeichnet werden und bei ihm kam sein Beruf hinzu. Auch da wurde er regelmäßig mit Leichen konfrontiert. Suizide und Unfälle ereigneten sich nicht täglich, aber viel zu häufig. Ab und zu betrat er auch Tatorte, an denen ein Mord geschehen war.

Trotz all dieser Düsternis waren Juliane und Freddy ein echtes Vorzeigepaar. Selbst im engsten Freundeskreis schwankte die Reaktion zwischen ehrlicher Mitfreude und leisem Neid auf dieses unerschütterliche Glück und eine Liebe, die noch immer so innig war wie am ersten Tag. Doch die unbarmherzige Hand des Schicksals sollte auch vor ihnen nicht haltmachen.

*****

Es begann eigentlich wie gewohnt, deswegen wirkte es zunächst harmlos. Wieder einmal hatte Freddy einen Festgenommenen zu hart angefasst, doch noch schwerer wog der Vorwurf, dass er vor der Verhaftung mit Gewalt in dessen Wohnung eingedrungen war. Die Spitze des Eisberges wurde erreicht, als der Inhaftierte freigelassen werden musste und unmittelbar danach behauptete, Freddy hätte ihn bestohlen. Das Gegenteil konnte der Beschuldigte nicht beweisen, da Wort gegen Wort stand, dennoch drohte Freddy, schon wegen der vorherigen Eskapaden seinerseits, eine Entlassung aus dem Polizeidienst. Die internen Ermittlungen sorgten dafür, dass er einen Polizeipsychologen aufsuchen musste. Hinterher folgte durch seinen Rechtsbeistand ein Gegengutachten bei einem neutralen Psychologen, schließlich auch die Sitzungen bei Ronda Lass. Letztlich durfte Freddy seinen Job weiter ausüben. Vor allem zwei Faktoren sprachen für ihn: Der von ihm Verhaftete besaß ein Führungszeugnis, das zahlreiche Vorstrafen beinhaltete. Bedeutender war jedoch die Tatsache, dass sich der angeblich Bestohlene rigoros weigerte anzugeben, was ihm entwendet worden war.

Damit war die Sache jedoch nicht ausgestanden. Hätte Freddy bei den internen Ermittlungen die Wahrheit gesagt, hätte er eigene Kollegen anschwärzen müssen, denn die herbeigerufene Verstärkung hatte den Festgenommenen tatsächlich beklaut. Einen Kameraden aus dem eigenen Revier zu verpfeifen, widersprach jedoch Freddys Ehrenkodex. Genau diese Loyalität brachte ihn nun zwischen die Fronten. Die eine Hälfte der Kollegen hielt ihn für einen gierigen Dieb, der die Beute nicht teilen wollte. Die andere Hälfte sah in ihm ein unberechenbares Risiko, das die korrupten Machenschaften im Revier doch noch auffliegen lassen könnte. Eines zeigte sich sehr bald: Freddys Loyalität und der Ehrenkodex untereinander würden ihm eines Tages zum Verhängnis werden. Während er die Diebe schützte, waren diese bereit ihn zu opfern. Egal wie die beiden Gruppen dachten und handelten, Freddy konnte nur verlieren. Für die einen war er ein egoistischer Dieb, für die anderen eine tickende Zeitbombe. Das isolierte ihn auf dem Revier völlig.

Anfeindungen und Mobbing gehörten seitdem zu seinem Alltag, bis es geschah und Juliane als Fußgängerin in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde. Die Tragik daran war: Äußerlich trug Juliane nur leichte Blessuren davon, von lebensgefährlichen Verletzungen konnte also keine Rede sein, doch ihr bisheriges Leben war vorbei. Querschnittsgelähmt landete sie im Rollstuhl, woraufhin Freddy seinen Dienst quittierte, um für sie da zu sein.

Sowohl das Ende seiner Karriere als auch der Unfall markierten für Freddy einen radikalen Wendepunkt. Die Ehe, die einzige verbliebene Festung in einer feindseligen Welt, hatte tiefe Risse bekommen. Sie war nicht länger der sichere Hafen, der sie einmal gewesen war. Seiner Marke weinte er keine Träne nach, im Revier hatte er ohnehin nur noch Feinde gehabt. Doch eine Drohung, die ihm einer der korrupten Kollegen beim Abschied zugerufen hatte, brannte sich tief in sein Gedächtnis ein:

»Pass nächstes Mal besser auf deine Frau auf!«

© 2026 Roman Just, Gelsenkirchen