Live: Wer bin ich?

1. Kapitel

Ich werde wach und quäle mich aus dem Bett. Ein Blick zum Fenster zeigt mir, dass es draußen noch dunkel ist. Ich versuche, Licht zu machen, doch der Schalter der Nachttischlampe ist unauffindbar – genau wie der für die Deckenbeleuchtung. Nichts ist da, wo es sein sollte. Ich torkle blind vorwärts, taste mich ins Badezimmer und knipse den Schalter an. Endlich Licht in meinem dunklen Dasein. Doch der Blick in den Spiegel lässt mich erstarren. Ein fremdes Gesicht sieht mich an. Es lacht mich aus, beschimpft mich, verzieht sich zu einer hasserfüllten Fratze, die mir völlig fremd ist – obwohl sie zu meinem Körper gehört. Die Lippen und Gesichtsmuskeln bewegen sich flüssig, doch ich höre keinen Ton. Ich nehme nur die erniedrigenden Gesten wahr, die mich mit stummen Vorwürfen erschlagen. Bin ich taub geworden? Wo bin ich – und vor allem: Wer bin ich?

Ich drehe mich einmal um die eigene Achse und starre erneut in das Glas. Ich werfe der Grimasse einen vorwurfsvollen Blick zu, doch sie erwidert ihn nicht. Sie lacht – während mein eigenes Gesicht starr bleibt. Plötzlich blickt sie mich unendlich traurig an und beginnt zu weinen. Wieder nicht ich. Mein Spiegelbild bemerkt meine Verwirrung und verzieht die Lippen zu einem höhnischen Schmunzeln. Die Frage, wo ich bin, verliert dadurch schlagartig an Bedeutung. Es zählt nur noch das Wer. Doch im selben Atemzug begreife ich: Mein Standort könnte die Antwort auf meine Identität sein. Das Wo erklärt das Wer. Aber die Realität holt mich ein: Ein Spiegel kann nicht sprechen, und ich kann keine Lippen lesen.

Aus diesem Grund reagiere ich jetzt anders. Nicht mehr so unvorsichtig, tastend und blind, wie ich eben noch das Bad betreten habe. Ich gehe methodischer vor. Professioneller. Nicht wie ein Polizist oder Privatdetektiv. Ich übe keinen dieser Jobs aus – jedenfalls glaube ich das. Verdammt, wer bin ich? Ich weiß es nicht mehr! Verflucht, wo bin ich? Im Begriff, das Badezimmer zu verlassen, halte ich inne. Wieder diese Frage: Wo bin ich? Ist das hier überhaupt meine Wohnung? Bin ich allein? Falls nicht – in wessen Händen bin ich gelandet? Trifft es zu, warum? Ich bin weder reich noch berühmt, niemand, den man loswerden will, zumindest nehme ich es an. Auch wenn ich nicht weiß, wer ich bin – ich muss zuerst herausfinden, wo ich bin. Das hier ist mein einziger Anhaltspunkt.

Ich betrete den Flur und stoße ein leises, fragendes „Hallo?“ aus. Nichts rührt sich. Ich wiederhole den Ruf, diesmal lauter. Doch die Dunkelheit verschluckt den Ton, und danach wirkt die Stille viel bedrückender, fast unwirklich. Kein Echo, kein Laut. Nichts und niemand. Eines wird mir mit brutaler Klarheit bewusst: Diese Wohnung ist mir genauso fremd wie mein Gesicht im Spiegel. Ich habe nicht die leiseste Erinnerung daran, ob ich allein unterwegs war oder wie ich überhaupt hierhergekommen bin. Der Filmriss in meinem Kopf beginnt mich zu malträtieren.

Zimmer eins: Nichts und niemand. Schon im Bad, nachdem ich aus dem Bett aufgestanden war, fühlte ich mich so einsam wie noch nie zuvor in meinem Leben. Selbst wenn die Sonne in diesem Schlafzimmer aufgehen würde – der Raum wäre für mich stets in Dunkelheit geblieben. Ich öffne die nächste Tür. Ein Kinderzimmer, ebenfalls verlassen. Schließlich folgt eine Kombüse, die eher wie ein überschaubarer Abstellraum wirkt. Glücklicherweise finde ich dort keine Gegenstände, die mich den Kopf kosten könnten. Während ich in der Stille stehe, beginne ich unweigerlich darüber nachzudenken, was um mich herum eigentlich vorgeht.

Ich frage mich inzwischen nicht mehr, wie ich hierhergekommen bin, sondern was ich hier soll. Die bohrende Unwissenheit, wo ich mich befinde, hat mittlerweile an Bedeutung verloren. Viel mehr Gewicht gewinnt nun wieder meine unbekannte Identität.

Wieso kann ich mich nicht mehr daran erinnern, woher ich komme oder wie ich heiße? Bin ich Single, Ehemann oder sogar Vater? Und wenn ja, wo lebt meine Familie? Ich kann es mir nicht erklären, aber diese offenen Fragen ziehen mich unaufhaltsam runter. Das schönste Wunschdenken wäre, dass ich bloß einen Junggesellenabschied gefeiert und am Ende die Orientierung verloren habe. Aber diese Möglichkeit schließe ich aus. So etwas gibt es nur im Film.

Wenn es jedoch kein Film ist, befinde ich mich in einer Realität, die ich nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Um Antworten zu bekommen, muss ich diese Wohnung verlassen – ohne zu wissen, was mich vor der Tür erwartet. So oder so, irgendwann wäre ich ohnehin dazu gezwungen. Der Kühlschrank in der Küche ist leer, und bei der Nervosität, die mich umtreibt, wird das Toilettenpapier allerhöchstens bis heute Abend reichen. Und ganz ehrlich: Leitungswasser allein reicht weder zum Sättigen noch für eine dauerhafte Katzenwäsche, wenn sonst nichts vorhanden ist.

Es geht mir keineswegs nur um die letzte Rolle Toilettenpapier. Fakt ist: Ich weiß nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, was vor der Tür auf mich wartet, und ich kann nicht sagen, wer ich bin. Jeder Schritt nach draußen ist mit erheblichen Risiken verbunden. Mein Gefühl sagt mir, dass ich definitiv kein James Bond bin. Mein ramponiertes Innenleben flüstert mir stattdessen zu, dass ich schon immer ein besonders vorsichtiger Mensch war. Anders ausgedrückt: In den 1980ern hätte man mich vermutlich als Feigling betitelt, mich damit unterschätzt, aber eben in eine Schublade gesteckt.

Was tun?

******

Bei diesen Gedanken wird mir klar, dass ich noch nicht einmal den Wochentag oder den Monat benennen kann. Meine Orientierung ist vollständig ausgelöscht. Immerhin funktioniert mein Urinstinkt: Der Blick in die Finsternis verrät mir, dass es tiefste Nacht ist. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, die Wohnung zu verlassen. Bisher weiß ich nicht einmal, ob ich in einem riesigen Wohnblock oder einem Einfamilienhaus stecke – ich komme mir vor wie ein hilfloses Kind. Leicht schwankend durchquere ich den Flur, öffne im Wohnzimmer das Fenster und strecke den Kopf hinaus. Die Dunkelheit draußen entspricht der Leere in meinem Kopf. Ich atme tief durch. Die frische Luft tut mir gut, vielleicht auch deswegen, weil es ziemlich kalt ist. Schnell dahinziehende Wolken lassen mich ab und zu einige Sterne sehen. Das eisige Licht des Mondes hilft mir dabei, die Umgebung schemenhaft zu erkennen. Vor mir liegt eine Wiese, hinter ihr ein Wald. Die Blicke zur Seite lassen mich vermuten, dass ich mich in einem Gebäude auf einer Waldlichtung oder am Rand einer Stadt befinden könnte. Jedenfalls bin ich im Erdgeschoss eines zweistöckigen Hauses. Statt durch die Haustür könnte ich problemlos aus dem Fenster springen und hätte augenblicklich festen Boden unter den Füßen.

Warum habe ich eigentlich solche Angst vor der Haustür? Dem Unheil hätte ich schließlich auch hier am offenen Fenster Auge in Auge gegenüberstehen können. Ich lausche angestrengt in die Nacht. Nichts. Es ist still. Viel zu still. Wenn ich die Wiese und die Bäume nicht direkt vor mir sehen würde, müsste ich glauben, ich wäre der letzte Mensch an einem völlig verlassenen Ort im Universum. Ich blicke zurück in die Wohnung. Der Flur zur Haustür wirkt im Dunkeln wie ein endloser Tunnel, der mich verschlucken will. Ein Teil von mir fragt sich: Warum nicht einfach hier auf das Tageslicht warten? Je länger ich diesen Gedanken zulasse, desto mehr klammere ich mich an ihn. Es ist vernünftiger. Ich bleibe hier, zumindest bis zur Morgendämmerung.

Womöglich einem inneren Instinkt folgend, vielleicht auch nur aus purer Nervosität und wegen der bedrückenden Anspannung, sehe ich mir erneut Zimmer für Zimmer an. Dabei fällt mir etwas Seltsames auf, das ich zuvor übersehen habe: Ich finde absolut nichts Persönliches. Keinen einzigen Gegenstand, der mir verraten würde, wem dieses Haus gehört. Zwar deuten einige Dinge darauf hin, dass hier jemand lebt oder bis vor Kurzem gewohnt hat, aber es gibt keinerlei Hinweise auf eine Frau oder Kinder. Ob ich das nun merkwürdig finden soll oder nicht, kann ich im Moment schwer beurteilen. Ich finde nicht einmal einen Kalender, der mir wenigstens verraten würde, welchen Tag, welchen Monat oder welches Jahr wir schreiben. Während meines Rundgangs ist die Zeit so schnell vergangen, dass ich es gar nicht wahrgenommen habe – oder die Nacht war bereits so weit fortgeschritten, dass sie den Kampf gegen die Morgendämmerung verliert. Ich befinde mich inzwischen im oberen Stockwerk und blicke aus dem Fenster auf das Gelände vor dem Haus. Da draußen liegt er wieder vor mir: dieser endlose Tunnel, der vom Anwesen wegzuführen scheint. Ein breiter Kiesweg umrundet einen Springbrunnen, der außer Betrieb ist, vielleicht schon seit Ewigkeiten. Am Kopfende dieses Kreises führt die ungepflasterte Zufahrt hinein in den dichten Wald, wo sie wie in einem Schlund im Nirgendwo verschwindet.

Obwohl ich weiß, dass ich im Haus keine Antworten bekommen werde, muss ich mich ein weiteres Mal fragen, wo ich bin, wie ich an diesen Ort gelangte und vor allem, wer ich bin. Allein die isolierte Lage des Gebäudes sorgt bei mir für eine Unsicherheit, die mich dazu drängen könnte, unüberlegt zu handeln. Ich begebe mich ins Bad, werfe mir am Waschbecken Wasser ins Gesicht und spüle mir den trockenen Mund aus. Mein Schwindelgefühl hat nachgelassen, dafür brummt mir der Schädel. Ich entschließe mich, nach unten und vor das Haus zu gehen. Nach wie vor deutet nichts darauf hin, dass sich jemand in der Nähe befindet. Ich sehe keine Autos, wobei ich den Eindruck gewonnen habe, dass eine Fahrgelegenheit notwendig ist, um überhaupt hierherzukommen.

Im Freien stehend – meine Bedenken bezüglich meiner Unversehrtheit habe ich im Haus gelassen – blicke ich zunächst nach links und rechts. Ich sehe niemanden, was mich beruhigt und mutiger macht. Ich trete neben den Springbrunnen und mustere die Fassade. Von außen ähnelt das Gebäude einer rustikalen Villa, die sich zu ihren besten Zeiten nur Mitglieder der noblen Gesellschaft hätten leisten können. Mag das Domizil einst ein Prunkstück gewesen sein, gleicht es jetzt von außen einer Absteige, die selbst ein Obdachloser nicht betreten würde. Der Kontrast dazu befindet sich drinnen: Die Möbel, die von mir betrachteten Gegenstände, selbst die Bettdecke und das Kopfkissen des Bettes, in dem ich aufgewacht bin, sind makellos. Holzwürmer und Motten sind jedenfalls noch nicht eingezogen.

Ich spüre einen gewissen Übermut in mir aufkommen, ermahne mich jedoch, vorsichtig zu bleiben. Die vorherige Stille wird von ein paar zwitschernden Vögeln gestört. Die zuvor empfundene, unangenehm niedrige Temperatur wurde mittlerweile von einem lauwarmen Wind verscheucht. Das trägt dennoch nicht dazu bei, dass mir der Ort sympathischer wird. Diese Feststellung sorgt dafür, dass mein Unbehagen wieder wächst und mein Wille zur Tapferkeit sinkt. Meine Augen erfassen etwas Ungewöhnliches: An der Hauswand, ziemlich nah an der Eingangstür der Villa, lehnen ein Spaten und eine Schaufel. Eigentlich ist das nichts Sonderbares, trotzdem passt diese Entdeckung nicht in das bisherige Gesamtbild. Ein verrosteter, stillgelegter Springbrunnen, schon lange nicht mehr gemähte Grünflächen und Blumenbeete, die nur noch aus Unkraut bestehen – definitiv war hier seit Monaten kein Gärtner mehr tätig. Als ich jedoch direkt vor dem Spaten und der Schaufel stehe, erkenne ich es deutlich: Sie sehen nagelneu aus. Wieso lässt jemand dieses Werkzeug einfach draußen stehen? Wurde es bereits benutzt, oder hatte ein Unbekannter eine bestimmte Absicht damit?

Mir wird mulmig zumute, denn es drängen sich Überlegungen auf, denen ich wehrlos ausgeliefert bin. Davon ausgehend, dass auf dem Gelände keine Schatzsuche stattfand, muss ich mich der Möglichkeit stellen, ob auf dem Anwesen jemand oder etwas verbuddelt worden war. Neben eher harmlosen Alternativen komme ich schließlich nicht umhin, mich mit einer Theorie zu beschäftigen, von der ich überhaupt nicht begeistert sein kann: Sind am Ende Spaten und Schaufel für mich gedacht? Habe ich im Moment nur das Glück, zu früh wach geworden zu sein? Falls Letzteres zutrifft, bleibt mir dann überhaupt noch die Zeit, mich näher auf dem Grundstück umzusehen, oder sollte ich mich umgehend aus dem Staub machen? Doch falls meine Befürchtung zutrifft, könnte ich bei einer Flucht direkt in die Arme meines unbekannten Feindes laufen. Außerdem würde ich nach wie vor komplett im Dunkeln tappen und noch nicht einmal das Gesicht meines Gegners kennen.

Was tun?

*****

Meine Augen lassen Spaten und Schaufel nicht los. Obwohl ich kein Experte bin, erkenne ich den makellosen Zustand: Die Geräte wurden noch nie benutzt. Sofort schießt mir derselbe furchtbare Gedanke wieder in den Kopf. Sie stehen hier nicht zufällig. Jemand hat sie bereitgestellt, um mich darin zu vergraben. Wer trachtet mir nach dem Leben – und warum? Wem habe ich etwas getan? Sollte meine furchtbare Ahnung stimmen, reicht das Wo und Wer nicht mehr aus. Ein drittes Wort drängt sich mit brutaler Gewalt in meinen Kopf: Was.

Was bin ich?

Ich jage einen Suchtrupp durch meine eigenen Gedanken, rekapituliere jede Sekunde seit meinem Erwachen. Suche nach Mustern. Bin ich ein mutiger Mann oder bloß ein leichtsinniger Narr? Besitze ich vielleicht eine dunkle, kriminelle Ader, die jetzt erst recht an die Oberfläche drängt? Ich weigere mich, das zu glauben. Wann schlägt Angst in Tapferkeit um, wann in Feigheit? Würde jeder andere in dieser Situation genauso kurz vor dem Wahnsinn stehen? Das Ergebnis ist ernüchternd: Wäre ich der knallharte Typ, für den ich mich gern halten würde, könnte ich der Welt jetzt meinen Zorn entgegenschreien. Doch die Wahrheit ist, dass mir eher zum Heulen zumute ist. Aber genau dieses Unverständnis, diese hilflose Wut über meine Lage, lässt plötzlich Trotz in mir hochkochen. Gegen jede Vernunft entschließe ich mich zu einem Rundgang um das Gebäude.

Es mag in meiner Lage unbedeutend sein, aber es tut mir weh, den Zustand der Villa zu sehen. Das Haus dermaßen verlottern zu lassen, grenzt schon an ein Verbrechen. Der Putz zeigt tiefe Löcher, an vielen Stellen blättert die Fassadenfarbe ab. Plötzlich stocke ich. Wurde dieser Zustand vielleicht absichtlich herbeigeführt? Will jemand der Außenwelt vorgaukeln, dass die Villa seit Jahren unbewohnt ist? Meine Bedenken drohen mich auszubremsen, aber meine Neugier ist diesmal größer. Auf der Rückseite trete ich weiter auf die Lichtung hinaus, um einen Gesamtblick auf das Gebäude zu haben. Von hier aus wirkt es noch pompöser, aber auch erheblich schäbiger. Was will ich hier? Wonach suche ich eigentlich? Es wäre definitiv besser, ich würde schleunigst das Weite suchen. Aber könnte ich durch eine Flucht überhaupt meine Haut retten? Nein. Wer auch immer mich an diesen Ort verschleppt hat, weiß alles über mich – während ich noch nicht einmal meinen eigenen Namen kenne. Ich würde blind in mein Verderben laufen.

Ich setze meinen Weg fort. Auf dem Rückweg zum Springbrunnen stelle ich fest, dass dieser verfallene Prunkbau über keinerlei Seiteneingänge verfügt. Diese Entdeckung vergrößert meine Ratlosigkeit, kann aber unmöglich der Auslöser für meine heftigen Kopfschmerzen sein. Wurde ich mit Tropfen betäubt oder bewusstlos geschlagen? Keine Ahnung. Es ist im Grunde auch egal, denn selbst wenn ich es wüsste, wäre meine Situation dadurch nicht besser und mein Schädelbrummen nicht erträglicher.

Ein Polizist bin ich mit Sicherheit nicht, sonst hätte man mich wegen akuter Inkompetenz längst gefeuert. Ein echter Ermittler hätte nicht so schlampig agiert. Ich habe zwar das Erdgeschoss und die obere Etage durchsucht, aber eine Tür muss ich schlichtweg übersehen haben: den Zugang zum Keller. Die tiefen, mit Laub gefüllten Schächte, an denen ich eben vorbeigekommen bin, lassen keinen Zweifel zu. Unter dieser Villa liegt ein Fundament. Und irgendwo da drinnen gibt es ein Untergeschoss, in dem ich vielleicht mehr über mein Was erfahre. Wo, wer und was bin ich? Wenn man ehrlich ist, existiert ein Mensch ohne diese Antworten überhaupt nicht. Aber ich lebe, zumindest noch.

Ich betrete die Villa, doch so verrückt es klingt: Eine Kellertür gibt es genauso wenig wie mich. Befinde ich mich in einem Spukschloss? Ich untersuche die Treppen – nichts. Ich taste und klopfe gegen die Wände im Flur, höre aber keinen Hohlraum. Es bleibt nur noch die Kombüse, die ich wie ein Irrer leerräume. Auf einmal spüre ich einen unerklärlichen Zeitdruck. Ist es die Gier nach Antworten? Ich verwerfe den Gedanken. Je mehr ich über alles nachdenke, umso unsicherer werde ich. Am Ende treibt es mich zu der Frage, ob ich überhaupt noch erfahren möchte, wer und was ich bin.

Trotzdem reiße ich die Regale heraus. Ein Schlag gegen die Wände dahinter lässt mich schon ans Aufgeben denken. Wütend stampfe ich mit dem Fuß auf den Boden, begebe mich auf die Knie und erkenne, dass ich mich tatsächlich auf einer versteckten Luke befinde. Ich rutsche zurück in den Flur, um nach einem Öffnungsmechanismus zu suchen. Am Ende überrascht mich die moderne Technik: Auf leichten Druck hin fährt die Klappe mit dem Gegendruck einer automatischen Kofferraumklappe nach oben. Kaum ist sie zum Stehen gekommen, muss ich staunen. In dem quadratischen Loch geht selbstständig Licht an. Als ich nach unten blicke, rächt sich die Haltung sofort – meine Kopfschmerzen nehmen drastisch zu. Vor mir liegt eine Leiter, die in die Tiefe führt und im Wasser verschwindet. Es wirkt wie der Blick in einen Brunnen. Mit dem feinen Unterschied, dass über der Wasseroberfläche dunkle Gänge abzweigen, die in alle Himmelsrichtungen zu führen scheinen.

Ich bin völlig angespannt, meine Nerven vibrieren. Meine Hände zittern, allerdings nicht aus Angst, sondern wegen der körperlichen Anstrengung. Mein nächster Schritt muss gut überlegt sein, er kann mich Kopf und Kragen kosten. Wenn ich die Leiter hinabsteige, um die Gänge zu erkunden, gehe ich ein riesiges Risiko ein. Sollte mein Entführer währenddessen auftauchen, sitze ich in einer Falle, aus der es kein Entrinnen gibt. Bin ich ein Feigling, wenn ich diese Erkundung unterlasse? Oder fürchte ich mich davor, den Weg nach unten anzutreten, um nicht am Ende erfahren zu müssen, dass ich ein schlechter und böser Mensch bin? Nein, ich bin ganz sicher kein schäbiger Charakter. Ansonsten hätte es wohl kaum jemand geschafft, mich einfach so zu verschleppen. Im Bad vor dem Spiegel habe ich ja deutlich gesehen, dass ich sportlich gebaut und körperlich kein schwächlicher Kerl bin.

Andererseits könnte ich in diesem Labyrinth etwas finden, wodurch sich alles erklärt. Vielleicht bin ich das Opfer einer Verwechslung oder ich habe einen Fehler gemacht, der sich noch reparieren lässt. Wie auch immer: Es mag sein, dass ich kein perfekter Mensch bin, aber wer hat schon eine komplett saubere Weste? Ich muss mich endlich entscheiden: In die Tiefe steigen, raus aus dem Haus und auf und davon, oder hierbleiben und abwarten, was auf mich zukommt?

Was tun?

© 2026 Roman Just, Gelsenkirchen