Von oben war es gar nicht richtig zu erkennen, wie weit ich hinabsteigen musste, um auf der gleichen Höhe mit den Gängen zu sein. Ich schätze, ich habe fünf Meter hinter mich gebracht, eher mehr, als ich in den Gang hinter der Leiter schauen kann. Komisch, nur der Schacht ist beleuchtet, in den Gängen brennt kein Licht. Somit sehe ich in eine Leere, von der ich nicht abschätzen kann, wie lang sie ist und wohin sie mich führen wird.
Mein Verstand sagt mir, ich soll zurück nach oben klettern, meine Neugier zieht mich in den Gang vor mir, doch ich verharre. Habe ich Bammel, bin ich zu vorsichtig oder hält mich mein ungutes Gefühl zurück? Während mein Verstand mir zuruft, schleunigst nach oben zu klettern, zieht mich die Neugier tiefer in den Tunnel. Ich verharre unschlüssig auf der Sprosse. Habe ich bloß Bammel, bin ich übertrieben vorsichtig oder ist es ein berechtigter Urinstinkt, der mich bremst? Zudem quält mich die Frage, wie viel Zeit mir überhaupt noch bleibt. Wann taucht derjenige auf, der den Spaten und die Schaufel für mich bereitgestellt hat? Der Wettlauf gegen die Zeit wird mir plötzlich egal.
Ich brauche Antworten, nichts anderes zählt jetzt, alles andere muss ich im Moment ausblenden. Ich blicke in den Tunnel vor mir, dann in die Abzweigungen zu meiner Linken und Rechten. Am Boden der Eingänge erkenne ich eine schmale Leiste. Ich löse einen Fuß von der Sprosse und taste nach der Schwelle im Gang vor mir. Tatsächlich springt ein Kontaktschalter an, der auf Berührung reagiert. Als das Licht im ersten Tunnel aufflackert, wiederhole ich den Vorgang bei den anderen Leisten.
Würde ich zu Selbstgesprächen neigen, wäre ich nach der Aktion vor Staunen sprachlos. Die Gänge zu meiner linken und rechten Seite sowie der in meinem Rücken sind identisch, keinesfalls länger als die Leiter. Allein diese Konstruktionen verlangen mir höchsten Respekt ab, aber für den Tunnel vor meinen Augen fiel mir nur der Ausdruck Weltwunder ein.
Ich blicke in eine Konstruktion, die mir sprichwörtlich den Atem raubt. Dieser Gang ist zwar genauso kurz wie die anderen, mündet an seinem Ende jedoch in eine Abzweigung. Was mir sofort ins Auge springt, sind die Wände. Sie ähneln einem Regalsystem ohne offene Ablagen. Das Ganze erinnert mich an Szenen aus Krimis oder Krankenhausserien, in denen Leichen aus Kühlfächern gezogen werden. Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken, und ich hoffe inständig, dass sich in diesen Klappen etwas anderes befindet und ich hier unten nicht auf Tote stoße. Ich vergleiche die Wände mit denen der anderen Gänge. Erst jetzt bemerke ich, dass auch dort solche Fächer eingelassen sind – allerdings sind sie wesentlich kleiner.
So oder so, gefühlsmäßig befinde ich mich in einem Albtraum, der realer nicht sein kann. Ich hieve meinen Körper in den Gang mit der Abzweigung, verzichte darauf, in eines der Fächer zu blicken, und folge stattdessen dem Weg, der sich vor mir auftut. Kaum habe ich die Biegung hinter mir gelassen, entdecke ich wenige Meter vor mir eine Doppeltür. Ein Schalter an der Wand lässt mich vermuten, dass ich vor einer Art Lastenaufzug stehe. Schlagartig wird mir bewusst: Dieser Fund erhöht die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass in den Wandklappen tatsächlich Leichen liegen.
Der reale Albtraum zwingt mich in einen Horrorstreifen: Ich nehme all meinen Mut zusammen, kehre um, kann problemlos ein Fach nach dem anderen öffnen, dabei zähle ich mit. Der Inhalt ist stets der gleiche und schockierend. Dass sich ein Mensch an alles gewöhnen kann, wird mir nach der Durchsicht der ersten Wand, bei der zweiten durch einen Nebengedanken klar. Dass ich keinen Schock erleide, ist einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass die Toten sich mal in Leichensäcken, mal in Plastikfolien befinden. Insgesamt komme ich auf zwanzig Tote, mehr Fächer gibt es nicht. Ist das die Erklärung für die Schaufel und den Spaten? Ich stelle fest und frage mich: Wenn hier zwanzig Leichen liegen, wartet draußen das Werkzeug für Nummer Einundzwanzig – für mich selbst.
Ich schüttle das Grauen ab und wundere mich über meine eigene Kaltschnäuzigkeit. Bin ich von Natur aus so kaltblütig oder zwingt mich die Situation dazu? Obwohl es völlig unlogisch ist, wische ich mir die Hände an der Hose ab. Wahrscheinlich, weil ich beim ersten Fach den Leichensack instinktiv abgetastet habe, um Gewissheit über den Inhalt zu bekommen. Für ein paar Sekunden fühle ich mich wie ein abgebrühter Bulle, der jedes Rätsel knacken kann. Fast schon euphorisch begebe ich mich wieder zu dem Aufzug, betrete ihn und drücke den einzigen Knopf, der keinerlei Beschriftung trägt. Ein Detail ist mir eben noch entgangen: Weder die Schubfächer noch die Doppeltür des Lifts besitzen eine elektronische Vorrichtung. Alles hier unten muss mühsam von Hand geöffnet und geschlossen werden.
Die nächste Ernüchterung folgt auf den Fuß: Der Aufzug knirscht und ächzt, fährt im Schneckentempo nach oben, irgendwo über mir quietscht und knackt es, als ob der Aufzugsschacht jeden Moment in sich zusammenbrechen würde. Als der Aufzug endlich stehen bleibt und ich die fensterlose Doppeltür aufschiebe, blicke ich fassungslos auf die schäbige Fassade der Villa. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass der Springbrunnen verschwunden ist. Er befindet sich nicht mehr auf dem Boden, sondern ziert wie eine bizarre Krone das Dach des Lifts. Wahnsinn, denke ich. Niemals kann ein einzelner Mensch dieses ganze System allein erbaut haben.
Auch wenn mir die Erkenntnis nicht gefällt und sie mir Angst einjagen sollte: Ich befinde mich auf einem Grundstück, das eine einzige, riesige, mechanische Täuschung ist und außerdem dem Zweck der Vertuschung dient. Für mich ist jedenfalls klar: Wenn hier ein Einzelner am Werk ist, habe ich es mit einem Serienkiller und einem Genie zu tun, dem ich womöglich nicht gewachsen bin. Sollte hier eine Organisation für alles verantwortlich sein, sinken meine Überlebenschancen auf null. Ich bezweifle, dass mein Grab über einen Stein oder ein Kreuz verfügen wird. Doch wenn, und falls überhaupt mit einer Inschrift, wie würde sie lauten? Vielleicht: Hier liegt er? Was kann ich dagegen tun?
Ω
Wer bin ich, was bin ich, wo bin ich? Wer sind die Toten da unten, und seit wann befinden sie sich in diesem Versteck? Benommen trete ich aus der Aufzugskabine, schließe die Türen und betätige den Schalter an der Außenwand. Ich sehe zu, wie die Konstruktion langsam wieder in der Tiefe versinkt, bis der Springbrunnen exakt an seinem alten Platz einrastet. Nichts deutet mehr darauf hin, dass dieses mit rostendem Metall verzierte Steingebilde beweglich ist und noch vor zwei Minuten das Dach eines Lifts zierte. Unfassbar, das Ganze. Irgendwie absurd, aber eben auch todernst.
Ich frage mich, welcher Inhalt in den kleineren Fächern in den anderen drei Gängen steckt, nur muss ich zugeben, dass meine Neugier nicht so ausgeprägt ist, um mich noch einmal in die Totenkammer zu begeben. Hätte ich es wirklich gewollt, wäre ich wohl kaum so unüberlegt gewesen, den Aufzug wegzuschicken. Ich überlege kurz, ob es sinnvoll ist, die Luke in der Kombüse wieder zu schließen, verwerfe den Gedanken aber sofort. Meine Frustration war einfach zu groß. Ich habe die Regale mit so viel Wut und Gewalt herausgerissen, dass es völlig unmöglich ist, hier noch einmal den Originalzustand wiederherzustellen.
Ich folge dem Kiesweg in den dichten Wald, der von der Villa wegführt. Ob es in den nächsten Minuten oder erst in ein paar Stunden passiert, weiß ich nicht – aber irgendwann wird hier jemand auftauchen, der mich endgültig loswerden will. Meine Vergangenheit ist in meinem Kopf vollständig ausgelöscht, dennoch frage ich mich wieder und wieder, aus welchen Gründen ich an diesem Ort gelandet bin. Wenn ich mein eigenes Verhalten im Keller beurteile, müsste es doch jedem normal denkenden Menschen einleuchten, dass ich mit diesen Toten nichts zu tun habe. Dass die Leichen dort unten so versteckt liegen, beweist für mein Verständnis jedenfalls eines: Diese armen Seelen sind keinem natürlichen Tod zum Opfer gefallen. Vorsichtshalber bewege ich mich neben dem Kiesweg zwischen den Bäumen und folge so der Richtung, in die er führt. Zwar ist es beschwerlicher, aber jeder Schritt bringt mich weiter weg von der äußerlich verlotterten Villa, die durchaus den Namen Totenhaus tragen könnte. Ich blicke nicht zurück, schaue nur nach vorne, auch um nicht zu stolpern. Irgendwie passt es zu meiner Situation: keine Vergangenheit, eine ungewisse Zukunft.
Zu all dem passt das Wetter: Es ist nicht kalt, aber doch ziemlich frisch. Es regnet nicht, aber die Sonne wird von grauen Wolken verdeckt. Während der Morgendämmerung hatte es nach einem schönen Tag ausgesehen, davon ist nichts übriggeblieben. Wie spät mag es sein? Ob meine Aktivitäten oder die Kopfschmerzen daran schuld sind, dass ich jegliches Zeitgefühl verloren habe? Von einem Punkt bin ich mittlerweile überzeugt: Ich wurde nicht niedergeschlagen. Ständig habe ich einen trockenen Mund, zusätzlich einen Geschmack auf der Zunge, der widerwärtig ist. Ich gehe davon aus, dass mir irgendetwas verabreicht wurde, das für diese Symptome verantwortlich ist. Unter dem Strich kommt für mich ein Ergebnis heraus, mit dem ich leben kann, da ich nicht tot bin. Genau das ist der Punkt: Mit jedem Schritt werde ich überzeugter, dass meine Kidnapper davon ausgehen, dass ich bereits tot bin. Nur dieses Fazit kann erklären, weshalb keiner meiner Gegner bisher aufgetaucht ist. Denn eines weiß ich: Seit ich wach bin, sind etliche Stunden vergangen. Gefühlsmäßig und trotz des bewölkten Himmels, unter Einbezug des Tageslichts, schätze ich, dass die Mittagszeit längst vorbei ist.
Schritt für Schritt, Meter um Meter, der Wald scheint ein unendlicher Dschungel zu sein. Es mag sich albern anhören, doch ich gehe nur vorwärts, denn alles was mich von der Villa wegführt, kann nicht hinter mir liegen. Das Besondere dabei: Ich lege gefühlt eine gewaltige Strecke zurück, ohne über das gestern, heute, jetzt und morgen nachzudenken. Eine Zeitlang ist mein Kopf völlig leer, so erfreulich es ist, das Schädelbrummen hat deswegen trotzdem nicht nachgelassen. Schritt für Schritt, Meter um Meter quäle ich mich voran. Der Wald gleicht einem endlosen Dschungel. Es mag skurril klingen, aber mein Fokus liegt stur auf dem Weg vor mir. Alles, was mich von diesem Totenhaus entfernt, bedeutet Rettung. Das Faszinierende daran ist, dass ich gefühlt eine gewaltige Strecke zurücklege, ohne einen einzigen Gedanken an das Gestern, Heute oder Morgen zu verschwenden. Für eine ganze Weile ist mein Kopf vollkommen leer. So erleichternd diese mentale Ruhe auch ist – das Hämmern in meinem Schädel stoppt sie leider nicht.
Die mentale Atempause scheint meine Sinne geschärft zu haben. Ich gestehe es mir ungern ein, aber zur Wahrheit gehört: Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was ich tun soll, sobald ich wieder auf Zivilisation stoße. Was fange ich an, wenn ich eine Straße erreiche, per Anhalter mitfahre und irgendwo im Nirgendwo strande? Wie soll ich mich verhalten, wenn man mir Fragen stellt? Wie reagieren, wenn ich in eine Situation gerate, die ich nicht kontrollieren kann? Welcher Mensch kann schon glaubwürdig wirken, wenn er seine eigene Vergangenheit nicht kennt, nicht weiß, wer er ist, woher er kommt oder wohin er will? Es ist paradox: In der Villa wäre ich mit all diesen Problemen vermutlich niemals konfrontiert worden. Im Nachhinein betrachte ich die Flucht aus dem Totenhaus als zu voreilig. Sich dort zu verdrücken, war der leichte Teil, da das Ziel klar war: weg von der Gefahr, und dafür hatte ich lang genug Zeit. Jetzt, wo die Zivilisation näher rückt, begreife ich, was mir angetan wurde. Sehr wahrscheinlich halten mich meine Gegner für tot, aber sie müssen sich keine Sorgen machen, falls ich lebe. Es ist ihnen gelungen, mich gesellschaftlich völlig wehrlos dastehen zu lassen. Ohne Namen, Ausweis oder eine gelebte Geschichte wird jeder Kontakt mit Mitmenschen oder der Polizei eine potenzielle Gefahr für meine Person. Ob da oder dort, zwangsläufig gerate ich in eine Lage, in der ich mich der Realität stellen muss, doch wie soll das ohne eine Identität funktionieren?
Keine Ahnung, wie lange ich schon vorwärtsgelaufen bin, irgendwie scheine ich auf der Stelle zu stehen. Nichts ändert sich, außer dem Unterholz im Wald. Es gibt Passagen, die kann ich ohne Hürden zurücklegen, dann werde ich wieder gezwungen, meinen geraden Weg zu verlassen, da ich Baumstümpfen, Brennnesseln, dornigen Büschen und sonstigen Hindernissen ausweichen muss. Mittendrin spüre ich mangels eines Lichts am Ende des Tunnels eine Lethargie in mir aufkommen und komme mir vor, als wäre ich am Ende der Welt ausgesetzt worden. Plötzlich, als ich damit gar nicht mehr rechne, vernehme ich neben dem gelegentlichen Vogelgesang ein anderes Geräusch. Erst jetzt wird mir bewusst, dass das Zwitschern der Vögel deutlich nachgelassen hat. Es ist wahr und ich weiß, warum es sich so verhält. Eindeutig, wenngleich noch für die Beine in schmerzender Entfernung, höre ich das Geräusch von startenden und landenden Flugzeugen. Es passiert in einer Regelmäßigkeit, die mir sagt, dass ich mich in der Nähe eines Großflughafens befinde.
Auf einmal beschreibt der Kiesweg eine scharfe Biegung – einen Kurs, den ich partout nicht einschlagen will, da er sich wieder vom Fluglärm zu entfernen scheint. Ich trenne mich von diesem Pfad, der bis dahin mein einziger begleitender Kompass war, und schlage querfeldein die Richtung ein, die mich direkt zum Flughafen führt. Dadurch schwindet zwar die Chance, meinen unsichtbaren Feinden auf dem Weg zu begegnen, aber ganz ehrlich: Dagegen will ich absolut nichts tun!
Ω
Nachdem ich die entgegengesetzte Richtung zu dem abbiegenden Kiesweg einschlage, ahne ich nicht, dass mir noch ein längerer Marsch durch den Wald bevorsteht. Noch einmal male ich mir aus, wie ich auf die erste lebendige Person reagieren werde, der ich begegne. Es ist makaber, aber seit ich aus meiner Bewusstlosigkeit erwacht bin, besteht mein Dasein aus unzähligen Fragen, zahlreichen Rätseln, einer bedrückenden Einsamkeit und vielen Leichen.
Niemals hätte ich gedacht, dass Flugzeuge so verdammt laut sein können, obwohl die Landebahnen gefühlt am anderen Ende der Welt liegen. Mein Zeitgefühl hat mich längst im Stich gelassen. Weil man sagt, dass ein trainierter Mensch für einen Kilometer fünfzehn Minuten braucht, habe ich irgendwann angefangen, meine Schritte zu zählen. Bei zweitausend habe ich frustriert aufgehört – ein halber Meter pro Schritt, ein mühsamer Kilometer. Aus dem Frust wird langsam Wut. Der Wald wird zwar lichter, aber das Gelände dafür immer unwegsamer. Seit meinem Aufbruch von der Villa war das Gelände flach, doch jetzt geht es auf einmal unbarmherzig auf und ab. Ich muss zwar keine Berge bezwingen, aber dieses ständige Auf und Ab von wenigen Metern raubt mir die letzte Kraft. In meinem Zustand und nach einem ganzen Tag ohne einen einzigen Bissen Essen wird jeder Schritt zur Qual. Dazu kommen der faule Geschmack im Mund und die trockene Kehle. Ohne zu wissen, ob ich überhaupt gläubig bin, schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel in der Hoffnung, mein Ziel bald zu erreichen.
Erneut fange ich an, meine Schritte zu zählen, vielleicht nur, um mich zu motivieren. Bei der Zahl fünfhundert wird der Wald bunter, die Nadelbäume werden weniger, Laubbäume gewinnen die Oberhand. Nach weiteren vierhundert Schritten befinde ich mich nicht mehr in einem dichten Wald, sondern auf einem Fleck Erde, wo nur noch vereinzelt Bäume stehen. Plötzlich stehe ich vor einem Drahtzaun. Zu meiner rechten Seite, in einer schwer abzuschätzenden Entfernung, sehe ich den Tower des Flughafens. Falls ich nicht an Gott glauben sollte, werde ich es tun, wenn ich auf Augenhöhe mit den niedrigeren Gebäuden bin, die ich vor dem Turm erkennen kann.
Angesichts dieses Drahtzauns bin ich kurz davor, den Allmächtigen anzuflehen, mir mein Gedächtnis zurückzugeben. Doch ich lasse es bleiben, um mein Glück heute nicht herauszufordern. Es mag in meiner Situation absurd klingen, aber ich habe an diesem Tag bereits unverschämtes Glück gehabt. Ich lebe noch – etwas, womit meine Entführer wohl kaum rechnen. Warum auch immer meine Kidnapper nicht an der Villa aufgetaucht sind: Wären sie dort gewesen, hätte ich das kaum überlebt. Zudem war ich nicht einmal gefesselt, als ich aus der Ohnmacht erwachte. Ein klarer Hinweis darauf, dass meine Feinde mich für tot hielten oder darauf bauten, dass ich im Koma sterbe. All diese glücklichen Fügungen zeigen mir, dass mein Kontingent an Schutzengeln für heute restlos erschöpft sein muss.
So ist es auch! Nicht sofort, stattdessen zu einem Zeitpunkt, der gemeiner nicht sein kann. Der Tower und die Terminals sind zum Greifen nah, als ich plötzlich Hundegebell vernehme. Bevor ich überhaupt begreife, was passiert, stehen Polizisten vor und hinter mir. Die beiden in meinem Sichtfeld haben Hunde an der Leine und lächeln, um mir womöglich zu verstehen zu geben, dass sie die Tiere gerne loslassen würden. In meinem Rücken vernehme ich aus einem Mund, dass ich stehen bleiben soll, und eine andere Stimme befiehlt mir, die Hände hinter dem Kopf zu verschränken.
Meine Lage war heute trotz der bedrohlich knurrenden Hunde schon schlimmer, doch rückblickend gesehen noch nie so ausweglos wie jetzt. Klar, die Polizisten werden mir irgendwann zuhören, mir zunächst aber bestimmt keinen Glauben schenken – schließlich kann ich ihnen zu mir selbst nichts sagen. Ich habe keine Papiere bei mir, weiß nicht, wie ich heiße, und kann nicht sagen, wer, was ich bin oder woher ich komme. Meine Kopfschmerzen erschweren mir das Denken, egal, ohnehin halte ich es im Moment für besser, zu schweigen und mich mitnehmen zu lassen. Im Gewahrsam der Polizei bin ich zumindest vor meinen Feinden sicher. Und ich klammere mich an die Hoffnung, dass man mir hier helfen wird, das Rätsel um meine Identität zu lösen.
Nur wenige Minuten später finde ich mich in einer fensterlosen Zelle wieder. In der Deckenecke summt eine Überwachungskamera, daneben ein lamellenverzierter Luftschlitz, der die paranoide Assoziation weckt, jeden Moment könnte giftiges Gas herausströmen. Zwischen den nackten Wänden ein Tisch und zwei Stühle. Ich sitze auf einem davon und starre auf die schwere Metalltür, die krachend ins Schloss fiel, kaum dass man mich hineingestoßen hatte. Ein quälender Verdacht keimt in mir auf: Was, wenn sie mich für einen Attentäter oder Terroristen halten? Meine größte Befürchtung ist, dass ich hier festsitze, bis irgendein Spezialist für Schwerverbrecher auftaucht. Wenn ich recht habe, brauche ich einen langen Atem. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass man vermeintliche Staatsfeinde erst einmal im eigenen Saft schmoren lässt. Um ehrlich zu sein, habe ich mir die Rückkehr ins Leben und in die Zivilisation anders vorgestellt. Darunter leidet mein aufgekommener Optimismus: Wenn man mich für einen gefährlichen Kriminellen hält, wird niemand mir meine Geschichte mit der Villa glauben. Sollte ich dann auch noch die von mir entdeckten Leichen erwähnen, ist es völlig um mich geschehen. Wie ich bereits erwähnte: Auch ein Glückstag darf nicht überstrapaziert werden, selbst dann nicht, wenn man zu spät erkennt, wie positiv ein eigentlich negativer Tag verlaufen ist.
Während ich warte, überlege ich, wer mich wohl verhören oder in die Mangel nehmen wird. Doch die viel brennendere Frage schießt mir direkt hinterher: Wie zur Hölle soll ich diesem Jemand mein Dilemma erklären? Man sagt, mit der Wahrheit kommt man immer am weitesten. In meiner Situation bezweifle ich das – schon allein, weil ich mir an Stelle der Polizei selbst kein Wort glauben würde. Genau darin liegt das Problem: Ich muss absolut überzeugend wirken. Jedes Zögern, jede Schwäche meinerseits liefert mich aus. Und das bedeutet im schlimmsten Fall lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
Dagegen kann und muss ich etwas tun!
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